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Modul AVL 221c – 16414 Proseminar

Volker Woltersdorff

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Donnerstag, 14-16 Uhr
Habelschwerdter Allee 45, JK 28/130

Beginn: 20. Oktober 2005

maximal 20 Teilnehmer


Peter Weiss' monumentaler Abgesang auf die Geschichte der Arbeiterbewegung in der Epoche des Faschismus scheint uns heute fern und nah zugleich. Fern, weil sich die Arbeiterbewegung und ihr Glaube an Sozialismus und Kommunismus überlebt zu haben scheinen, nah, weil mit der Globalisierung des Neoliberalismus und dem erstarkenden Neofaschismus und Rechtspopulismus alte Gegner neue Herrschaft erlangen und neuen Widerstand nötig machen. Weiss' illusionsloser Blick auf den Stalinismus hat dabei viel Ähnlichkeit mit unserer heutigen postsozialistischen Abgeklärtheit.

Die Romantrilogie steht bewusst an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen, denn sie kombiniert Essayistik und Dokumentation mit realistischer und surrealer Fiktion, verbindet Reflexionen zu Werken der bildenden Kunst und Literatur und zur marxistischen Philosophie mit politischen und historischen Erörterungen.

Dabei entwickelt sich ein Verständnis von Ästhetik, das nach den Eingriffsmöglichkeiten der Dichter und Dichterinnen und nach der Rolle der Kunst in der Gesellschaft fragt: „Hier ist die Rede von einer Ästhetik, die nicht nur künstlerische Kategorien umfassen will, sondern versucht, die geistigen Erkenntnisprozesse mit sozialen und politischen Einsichten zu verbinden.“ (aus Weiss' Notizbüchern 1971-1980)

In einem Interview hat Peter Weiss dieses Werk eine „Wunschbiografie“ genannt und in der Tat versucht er so etwas wie die Quadratur der Kreises, indem er in seiner Erzählerfigur die Rolle des kunst- und eigensinnigen Intellektuellen mit der des proletarischen Widerstandskämpfers, der sich in das Kollektiv seiner Partei und Klasse einordnet, miteinander in Einklang bringt. Der Roman beginnt in dem von den Nazis beherrschten Berlin. In Rückblenden erlebt dieser Erzähler als Fabrikarbeiter die Geschicke der Weimarer Republik bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Er kämpft später aufseiten der internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und gerät nach deren Niederlage über Paris nach Schweden ins Exil, wo er zum Mitarbeiter Bertolt Brechts wird. Von dort aus muss er schließlich die Zerschlagung der antifaschistischen Widerstandsgruppe „Die Rote Kapelle“ in Deutschland mitverfolgen.

Die gemeinsame Lektüre der „Ästhetik des Widerstands“ in diesem Seminar kann an eine lebendige Tradition anknüpfen. Seit den Achtzigerjahren haben sich immer wieder Lesegruppen gebildet, in denen die Romantrilogie gemeinsam angeeignet und diskutiert wurde und Kultstatus erlangt hat.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich zu Beginn des Seminars bereits mit dem Text von epischer Breite angefreundet haben. Den einzelnen Sitzungen werden jeweils ausgesuchte Passagen zugrunde gelegt.

Textgrundlage:

  • Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, zuerst 1975-1981, aktuellste Neuauflage 2005.
Vorgeschlagene Sekundärliteratur zur Einführung und Vorbereitung:
  • Stefan Howald: Peter Weiss zur Einführung, Hamburg: Junius 1994.
  • Karl-Heinz Götze / Klaus Scherpe: Die „Ästhetik des Widerstands“ lesen. Über Peter Weiss, Westberlin: Argument 1981.
  • Alexander Stephan (Hg.): Die Ästhetik des Widerstands, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983.


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