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16456 Hauptseminar

Brigitte Obermayr

Leerstellen: Bedeutungstragende Absenzen in Struktur, Schriftbild und Textur

Donnerstag, 14-16 Uhr
Habelschwerdter Allee 45, KL 29/135

Beginn: 20. Oktober 2005


Nach Roman Ingarden zeichnet ein sprachliches Kunstwerk die Tatsache aus, dass es in seiner ‚konkreten Washeit überhaupt nicht vorhanden’ ist, sondern unendlich viele ‚Leer- und Unbestimmtheitsstellen’ aufweist. Diese phänomenologische Bestimmung des literarischen Kunstwerks übte nachhaltigen Einfluss auf die strukturalistische Literaturtheorie aus: Die Struktur eines Textes ist demnach Idealkonstruktion, die ihre Konkretisierung auch qua Vervollständigung der Leer-Stellen in Wahrnehmung und Rezeption erfährt.

Diese paradoxerweise unsichtbaren, unwahrnehmbaren Auslassungen eines Textes auf der Ebene seiner Struktur bilden den Ausgangspunkt für weitere, auf den ersten Blick banalere Betrachtungen zum Thema: Denn es gibt auch noch offensichtliche Auslassungen, die in sich nach Differenzierung verlangen: Als solche können alle nicht verbal ausgeführten Stellen eines Textes gelten: Nicht genannte oder nicht ausgeschriebene Orts- und Personennamen, im normverletzenden oder frequenzauffälligen Ausmaß gebrauchte Interpunktion (v.a. Auslassungspunkte, Gedankenstriche), durch Auslassungspunkte oder individuelle graphische Elemente gekennzeichnete Auslassungen bis hin zur weißen oder schwarzen Stelle bzw. Seite.

Auf den Spuren des Phänomens Leerstelle wird die Frage nach der Referenzebene der Auslassungen zentral sein.

Zur vorbereitenden Lektüre empfehle ich die angegebenen Abschnitte aus Iser und Lotman, die, im relativ engen Bezug aufeinander, die strukturalistische Konzeption der Leerstellen darlegen:

  • Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München 41994, 257-355.
  • Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972, 143-158.


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