Text der Sprachklausur: Vladimir Nabokov: Poems and Problems.
Übersetzt von Florian Cramer, verbessert um Formulierungen aus den Klausuren von Agnes Hoffmann, Christian Junge, Marie Lottmann, Maria Schließer, Mareike Stoll und Christian Wieland.
EINLEITUNG
Dieser Band besteht aus drei Abschnitten: einem Block von neununddreißig russischen Gedichten im Original und in Übersetzung; vierzehn Gedichten, die ich nach 1940 (dem Jahr, in dem ich von Europa in die Vereinigten Staaten übersiedelte) gleich auf Englisch schrieb, und achtzehn Schachproblemen.
[...]
In den letzten zehn Jahren bin ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Wörtlichkeit, d.h. strenge Texttreue, bei der Übersetzung russischer Lyrik eingetreten. Einen Text so zu behandeln, ist ein ehrliches und erfreuliches Vorgehen, wenn dieser Text ein anerkanntes Meisterwerk ist, dessen sämtliche Feinheiten getreu im Englischen wiedergegeben werden müssen. Wie aber soll man seine eigenen Verse originalgetreu verenglischen, die vor einem halben oder einem Vierteljahrhundert geschrieben wurden? Man hat mit einem vagen Schamgefühl zu kämpfen; man windet sich und zuckt unweigerlich; man fühlt sich wie ein Potentat, der sich selbst Gefolgschaft schwört, oder wie ein gewissenhafter Priester, der sein eigenes Badewasser segnet. Erwägt man andererseits einen verwegenen Moment lang die Möglichkeit, die eigenen alten Gedichte umzuschreiben und zu verbessern, läßt einen ein furchtbares Gefühl der Verfälschung zurückschrecken und sich an die borstige Treue festklammern wie ein Affenbaby. Nur einen kleinen Kompromiß habe ich gelten lassen: Wo immer möglich, war mir der Reim oder sein Abglanz willkommen; doch niemals habe ich dem Gleichklang zuliebe ein Versende umgestellt; und das ursprüngliche Versmaß wurde nicht beibehalten, wenn seinetwegen Sinnveränderungen nötig gewesen wären.
Über den Abschnitt mit den vierzehn englischen Gedichten gibt es nicht viel zu sagen, alle wurden in Amerika geschrieben und im New Yorker veröffentlicht. Sie sind irgendwie leichter geknüpft als das russische Zeug, gewiß weil ihnen jene innere Verbundenheit der Wörter mit alten Verwirrungen und ständig besorgten Gedanken fehlt, die Gedichte kennzeichnet, die in der eigenen Muttersprache geschrieben wurden, während das Exil parallel weitermurmelte und eine nie bewältigte Kindheit einem an den rostigsten Saiten zupfte.
(Druckversion .pdf-Datei)
Text der Sprachklausur: John Barth: The Future of Literature and the Literature of the Future.
Übersetzt von Florian Cramer.
Geschriebene Literatur, insbesondere erzählende Prosa, ist unvermeidlicherweise anästhetisch, weil ihr Wesen semiotisch ist. Sie transpiriert im Geist. Sie kann nicht unmittelbar mit Eigenschaften, Empfindungen, Gefühlen, Handlungen, Dingen umgehen; sie kann nicht einmal, wie das Theater, mit Nachahmungen von Handlungen und Gefühlen umgehen. Statt dessen kann sie nur mit ihren Zeichen, ihren Namen umgehen: Schmerz, blau, Mut, Venezuela, herumlaufen, es war einmal. Schriftsteller, die zugleich auch Philosophen sind, wie William H. Gass, haben die metaphysischen Implikationen dieser Tatsache erkundet. Als ein Berufsschriftsteller, der nur ein interessierter Laie der Metaphysik, ja, der ganzen Wirklichkeit ist, scheint mir die wichtigste dieser Implikationen zu sein, daß geschriebene Literatur am angemessensten zumindest wirksamer als jede andere Kunstform mit Erfahrungsbereichen umgehen kann, die von der direkten Empfindung etwas entfernt sind: also nicht nur die gesamte lautlose Innenwelt Erkenntnis, Reflexion, Spekulation, Erinnerung, Berechnung und so weiter , sondern sogar die Erfassung der Empfindungen, in anderen Worten also: wie Wahrnehmung ist.
Das natürlich ist so berühmt an der Metapher, einem Hauptvermögen der Sprache, das primär ein Vermögen der Literatur ist (nonverbale Metaphern, mit denen Filmregisseure manchmal experimentieren, scheinen mir eher Metaphern für Metaphern zu sein): Wenn man das Meer weindunkel nennt und die Morgendämmerung rosenbefingert, dann sagt man etwas über das Meer und die Morgendämmerung (und über Wein, Rosen und Finger), das nicht fotografiert werden kann, genauso, wie uns Fotos und Gemälde Dinge zeigen, die letztendlich nicht gesagt werden können. Solange die private, sprachliche Erfassung von Erfahrung eine Zukunft hat und, nicht weniger wichtig. die Erfassung sprachlicher Erfahrung, also die Erfahrung von Sprache, die uns über die Grenzen der Wirklichkeit hinaus trägt , solange hat Literatur eine Zukunft.
Sun so hot I froze to death; Susanna dont you cry. Twas brillig, and the slithy toves / Did gyre and gimble on the wabe. / All mimsy were the borogoves, / And the mome raths outgrabe. Versuchen Sie einmal, das zu verfilmen.
(Druckversion .pdf-Datei)
Text der Sprachklausur: William H. Gass: Robert Walser.
Übersetzt von Florian Cramer.
Man fand Robert Walsers Leiche inmitten eines verschneiten Felds. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, und so mag der Zeitpunkt seines Todes übertrieben symbolisch gewesen sein. Ich stelle mir gerne vor, daß das Feld, auf dem er tot umfiel, so sanft weiß war wie Schreibpapier.
[...]
Walser ist kein gewöhnlicher Voyeur, den Geheimnisse verzehrt hätten, von denen er fühlt, daß sie sein Auge verzücken, denn in allen seinen Beobachtungen ist der Beobachter selbst hervorgehoben, und auch ihn beobachtet Walser. Er folgt jedem Gedanken, jedem Gefühl vom Zeitpunkt an, da eins den Schauplatz betritt, bis zum Moment seines Verschwindens mit einem freundlichen, aber skeptischen Blick, so daß es das Sehen des gesehenen Dings ist, das er sieht; und dann, da er auch ein Schriftsteller ist, der eine Seite verfaßt, beobachtet er zusätzlich zu allem anderen, das er berücksichtigen muß, das Schreiben des Geschriebenen selbst (sowohl den Gang durchs Gehölz, als auch den korrespondierenden Gang der Wörter), bis eine Person, der man einfach in dieser Welt begegnet ist, zu einer Person wird, die man in seiner Welt wahrnimmt, und bis im Gegenzug diese komplexe, blasse und zunehmend imaginäre Figur durch Wörter weiterverwandelt wird in weitere Wörter; Wörter, die von sich selbst sprechen und darüber hinaus über ihre eigenen Macken und Umständlichkeiten lächeln und zum Abschied winken, während eine substanzschwere und oft schmerzvolle Welt sich verflüchtigt in dieses entrückte, vielgestaltige und erfreulich machtlose Sprachobjekt.
Wie absurd philosophisch wir geworden sind, würde Walser jetzt vielleicht ausrufen und damit drohen (was typisch für ihn wäre), unser ganzes Thema fallenzulassen und meinen und seinen Stift unversehens vom Papier wegzuziehen.
(Druckversion .pdf-Datei)
Text der Sprachklausur: William H. Gass: Robert Walser.
Übersetzt von Andreas Fliedner.
Man fand die Leiche von Robert Walser mitten in einem verschneiten Feld. Es war Weihnachten, und der Zeitpunkt seines Todes war deshalb vielleicht übertrieben symbolisch. Ich stelle mir gerne vor, daß das Feld, auf dem er stürzte, von demselben sanften Weiß war wie Schreibpapier.
[...]
Walser ist kein gewöhnlich Voyeur, der von den Geheimnissen aufgesogen wird, die sein Auge entzückt haben, denn in allen seinen Betrachtungen ist auch der Betrachter selbst deutlich herausgehoben, und auch diese Person wird von Walser beobachtet.
Er verfolgt jeden Gedanken, jedes Gefühl von dem Augenblick an, in dem es die Szene betritt, bis zum Moment seines Abgangs mit einem wohlwollenden, aber skeptischen Blick, so daß es das Sehen des gesehenen Dings ist, das er sieht; und ferner, da er auch ein Schriftsteller ist, der eine Seite verfaßt, beobachtet er, neben allem anderen, das er beachten muß, das Geschriebenwerden der Schrift selbst (im selben Augenblick den Gang durch den Wald und den Gang der Wörter), solange bis eine Person, die [uns] zunächst einfach in dieser Welt gegenübertritt, sich in eine Person verwandelt, die in seiner Welt wahrgenommen wird und bis andererseits diese komplexe, blasse und mehr und mehr imaginäre Figur durch Worte weiterverwandelt wird in weitere Worte; in Worte, die von sich selbst sprechen, ja mehr noch, die angesichts ihrer eigenen Vertracktheiten und Eitelkeiten lächeln, und die uns zum Abschied zuwinken, während eine tatsächliche und oft quälende Welt zusammenschrumpft zu jenem losgelösten, vielgestaltigen und angenehm machtlosen Sprachgegenstand.
Wie entsetzlich philosophisch wir geworden sind würde Walser hier vielleicht ausrufen und damit drohen (was typisch wäre), unser ganzes Thema fallenzulassen und meinen und seinen Stift ganz plötzlich vom Papier hinwegzuheben.
(Druckversion .pdf-Datei)
Text der Sprachklausur: William H. Gass: Robert Walser.
Übersetzt von Johanna Richter (korrigierte Fassung).
Man fand Robert Walsers Leiche inmitten eines verschneiten Feldes. Es war Weihnachten und der Zeitpunkt seines Todes vielleicht übertrieben symbolisch. Ich mag die Vorstellung, daß das Feld, auf dem er niederfiel, so sanft weiß war wie Schreibpapier.
[...]
Walser ist kein gewöhnlicher Voyeur, der verzehrt gewesen wäre von den Geheimnissen, die (wie er meint) sein Auge entzückt haben, denn ausgestellt in jeder seiner Beobachtungen ist der Beobachter selbst, und auch diese Person wird von Walser betrachtet. Er folgt jedem Gedanken, jedem Gefühl von dem Zeitpunkt seines Erscheinens bis zu seinem Verschwinden von der Bildfläche mit einem liebevollen aber skeptischen Blick, so daß es das Sehen des gesehenen Dinges ist, welches er sieht.
Und dann betrachtet er da er auch Autor ist und eine Seite gestaltet zusätzlich zu allem anderen das Schreiben des Geschriebenen selbst (den Gang durchs Gehölz ebenso wie den dazugehörigen Gang der Wörter), bis eine Person, der man lediglich in dieser Welt begegnet ist, zu einer Person wird, die in seiner Welt wahrgenommen wird; und bis im Gegenzug diese komplexe, blasse, immer mehr Vorstellung werdende Figur von Worten in weitere Worte transformiert wird. Worte, die über sich selbst sprechen, überdies über ihre eigenen Marotten und Verzierungen lächeln und zum Abschied winken, während eine elementare und häufig schmerzvolle Welt in dieses entrückte, multiphänomenale, angenehm machtlose Sprachobjekt entschwindet.
Wie absurd philosophisch sind wir geworden, würde Walser vielleicht an diesem Punkt ausrufen und drohen (das wäre typisch), das gesamte Thema fallenzulassen, meinen Stift und seinen abrupt von der Seite zu heben.
(Druckversion .pdf-Datei)
|