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[ 10. April 2001 | 14. Oktober 1999 ]


Frühere Französisch-Beispielübersetzungen


10. April 2001

Text der Sprachklausur: Roland Barthes: La chambre claire. Note sur la photographie.

Übersetzt von Isabel Platthaus.

Die Fotografie sagt nicht (zwingend), was nicht mehr ist, sondern nur und ohne Zweifel, was einmal war. Dieser feine Unterschied ist entscheidend. Angesichts eines Fotos schlägt das Bewußtsein nicht notwendig den nostalgischen Weg der Erinnerung ein (wie viele Fotografien sind außerhalb der individuellen Zeit), sondern, und dies gilt für jedes Foto, das es auf der Welt gibt, den Weg der Gewißheit: Das Wesen der Fotografie ist, zu bestätigen, was sie darstellt. Ich erhielt eines Tages von einem Fotografen ein Foto, bei dem es mir allen Bemühungen zum Trotz unmöglich war, mich zu erinnern, wo es aufgenommen worden war. Ich begutachtete die Krawatte, den Pullover, um mich zu entsinnen, bei welcher Gelegenheit ich sie getragen hatte – vergebens. Und doch, weil es eine Fotografie war, konnte ich nicht leugnen, dort gewesen zu sein (auch wenn ich nicht wußte wo). Diese Kluft zwischen Gewißheit und Vergessen erzeugte bei mir eine Art Schwindel, so etwas wie eine kriminalistische Beklemmung (das Thema von Blow-up war nicht weit); ich ging zu der Vernissage wie zu einer Ermittlung, um endlich zu erfahren, was ich nicht mehr über mich selbst wußte.

Diese Gewißheit kann mir nichts Geschriebenes geben. Das ist das Unglück (aber vielleicht auch die Lust) der Sprache, daß sie sich nicht selbst beglaubigen kann. Das Noema der Sprache besteht vielleicht in dieser Machtlosigkeit oder, um es positiv auszudrücken: die Sprache ist von Natur aus fiktional. Will man versuchen, sie nicht-fiktional zu machen, bedarf es eines enormen Aufgebots an Maßnahmen: Man ruft die Logik auf oder mangels ihrer den Schwur. Die Fotografie hingegen ist gleichgültig gegenüber aller Verstärkung: Sie erfindet nicht; sie ist die Beglaubigung selbst. Die wenigen Kunstgriffe, die sie zuläßt, sind nicht beweiskräftig, es sind im Gegenteil Fälschungen: Die Fotografie ist nur dann aufwendig, wenn sie trickst. Sie ist eine umgekehrte Prophezeiung: Wie Kassandra, aber die Augen starr auf die Vergangenheit gerichtet, lügt sie nie. Oder vielmehr, sie kann lügen, was die Bedeutung einer Sache anbetrifft, denn sie ist von Natur aus tendenziös, niemals jedoch, was deren Existenz anbetrifft. Unfähig zu allgemeinen Ideen (zur Fiktion), ist ihre Macht nichtsdestotrotz allem überlegen, was der menschliche Geist ersinnen kann und ersinnen konnte, um uns der Realität zu versichern – doch auch diese Realität ist nichts anderes als Zufälligkeit („genau so, nicht mehr“).

(Druckversion – .pdf-Datei)
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14. Oktober 1999

Text der Sprachklausur: Alexander von Humboldt: Relation historique du Voyage aux Régions équinoxiales du Nouveau Continent.

Übersetzt von Oliver Lubrich.

Die Beschreibungen von Reisen nach Amerika haben sich in unserer Zeit außerordentlich vermehrt. In die Länder, die sich freie Institutionen gegeben haben, führten die politischen Ereignisse eine große Zahl von Personen, die sich vielleicht allzu sehr beeilten, bei ihrer Rückkehr nach Europa ihre Tagebücher zu veröffentlichen. Sie haben die Städte beschrieben, in denen sie sich aufgehalten hatten, sowie den Anblick einiger Orte, die wegen der Schönheit ihrer Landschaft bemerkenswert sind; sie haben uns über die Kleidung und die Ernährung der Einheimischen in Kenntnis gesetzt, über die verschiedenen Arten zu reisen, im Kanu, auf einem Maultier oder auf dem Rücken eines Menschen. Diese Werke, von denen einige durchaus unterhaltsam und lehrreich sind, haben die Völker der Alten Welt mit denen des spanischen Amerika, von Buenos Aires und Chile bis nach Zacatecas und Neu-Mexico, vertraut gemacht. Es ist zu bedauern, daß das Fehlen einer gründlichen Kenntnis der spanischen Sprache und die geringe Sorgfalt, die man darauf verwandt hat, die Namen von Orten, Flüssen und Stämmen zu erfassen, die merkwürdigsten Mißverständnisse verursachte; es ist außerdem betrüblich (und die Bewohner des südlichen Amerika haben vor allem Grund, sich darüber zu beklagen), daß die Sitten der Einheimischen in einer Sprache ohne Würde und ohne Geschmack auf die ungerechteste und geringschätzigste Weise geschildert wurden. Indem man das Ernsteste an der menschlichen Natur mit Leichtfertigkeit anging und die Völker charakterisieren wollte, wie man Individuen charakterisiert, hat man in unseren Tagen in einigen Reisebeschreibungen jene Aufzählungen von Lastern und Tugenden wieder aufleben lassen, welche die antiken geographischen Abhandlungen verunstalteten und die lediglich auf der Vagheit des Volksglaubens beruhten. Man vergaß, daß die großen menschlichen Gesellschaften in dem, was ihre Neigungen an Edlem oder an Verkehrtem haben, doch alle eine gewisse Familienähnlichkeit zeigen und daß sie sich voneinander lediglich durch graduelle Nuancen unterscheiden, durch das Überwiegen gewisser geistiger Fähigkeiten, gewisser Anlagen der Seele, deren Überschuß das ausmacht, was man die Fehler des Nationalcharakters nennt.

[...]

Die Unabhängigkeitskriege haben diese schönen Regionen des Erdballs dem Gewerbefleiß und dem Handel Europas geöffnet; aber die Bücher, die seitdem über die Republik Kolumbien und über Peru erschienen sind, wurden von Personen verfaßt, die durch ihre Beschäftigungen und vielleicht auch durch den Stand ihrer Kenntnisse kaum dazu befähigt waren, etwas Licht in die physische Geographie der Gegenden zu bringen, die sie besucht haben. Ich habe bei der Redaktion meines Tagebuches alles unterdrückt, was bereits gesagt worden war über das Aussehen und die Anlage der Städte, die Kleidung der verschiedenen Kasten, das Materielle des gewöhnlichen Lebens und die Transportmittel. Ich habe mich insbesondere jener Polemik enthalten, welche die Lektüre der Reisen so ermüdend macht. Da ich brennend danach trachtete, Fehler zu vermeiden, habe ich mich überhaupt nicht mit den Ansichten derjenigen befaßt, die über denselben Gegenstand geschrieben hatten. Es war mein Wunsch, die Unabhängigkeit meiner Reiseerzählung von vorübergehenden Umständen zu wahren sowie den ihr eigenen Charakter zu erhalten – den eines Werkes der Wissenschaft.

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