Frauke Müller: V.Y. Mudimbe Sprachgenie und Grenzgänger. Zweite Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur an der FU.
http://www.fu-berlin.de/fun/1999/5-6-99/leute/content/1.html.
Der kongolesische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Valentine Y. Mudimbe hat seine Gastprofessur für das Sommersemester 1999 am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU absolviert. Mudimbe hat im Sommersemester 1999 ein Hauptseminar mit dem Titel Theories of Differences angeboten.
Mudimbe ist nach dem russischen Autor Vladimir Sorokin, der im Sommersemester 1998 an der FU unterrichtete, der zweite Lehrbeauftragte im Rahmen der Samuel Fischer-Gastprofessur.
Der Samuel Fischer-Verlag hat gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und der FU die Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur eingerichtet. Für jeweils ein Semester wird eine Autorin bzw. ein Autor an das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU eingeladen. Die Professur soll Studierenden die Möglichkeit bieten, am literarischen Leben unmittelbarer und intensiver teilzunehmen, als es durch eine rein historische und theoretische Vermittlung in den sonstigen Lehrveranstaltungen üblich ist.
1941 wurde Mudimbe in Likasi im damaligen Belgisch-Kongo geboren, heute Demokratische Republik Kongo. An der Lovanium Universität in Kinshasa begann er 1961 sein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Linguistik und Soziologie studierte er ab 1966 in Frankreich, wo er 1971 an der Universität Paris sein Studium mit einer Promotion in Romanischer Philologie abschloß. Nach anschließenden Lehraufträgen an der Universität von Zaire, nahm er Professuren unter anderem am Haverford College in Pennsylvania/USA an. Zahlreiche Gastprofessuren führten ihn rund um den Globus, einige Stationen seiner Karriere waren Frankreich, Belgien, Mexiko, Großbritannien, USA, Kanada und kürzlich Israel. Seit 1995 lehrt Mudimbe hauptsächlich an der Stanford University, daneben forscht er an der Duke University in North Carolina.
Bei so vielen internationalen Aufenthalten wundert es kaum, daß Mudimbe ein Sprachengenie ist: Französisch, Spanisch und Englisch spricht er ebenso fließend wie die afrikanischen Sprachen Swahili, Luba und Sanga. Daneben beherrscht er Russisch, Deutsch, Italienisch und Portugiesisch sowie in Lingala, Songye, Kinyarwanda und Kikongo in Wort und Schrift. Und außerdem die drei klassischen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch.
Nach all diesen interessanten Stationen: Freut er sich auf Berlin? Das Angebot habe ihn überrascht, ist seine Antwort, aber er freue sich darauf, das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und seine deutschen Kollegen, mit denen er schon längere Zeit wissenschaftlichen Kontakt unterhält, endlich persönlich kennenzulernen.
Der Kongolese gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Literatur und Philosophie Afrikas, er ist Herausgeber der Zeitschrift Encyclopedia of African Religions and Philosophy. In seinen inzwischen als Standardwerke anerkannten Studien The Invention of Africa (1988) sowie The Idea of Africa (1994) beschäftigt er sich eingehend mit der imaginären Konstruktion Afrikas im kolonialen und postkolonialen Diskurs.
Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat sich Mudimbe auch einen Namen als Romanautor und Dichter gemacht. Sein Roman Shaba deux, der 1978 erschien, behandelt beispielsweise die grausamen Ereignissen unter der Mobutu-Diktatur. Sein Roman Le Bel Immonde (1976) ist 1982 auf deutsch unter dem Titel Auch wir sind schmutzige Flüsse erschienen.
Sein Nachfolger in der Samuel Fischer-Gastprofessur für das Wintersemester 1999/2000 wird voraussichtlich der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe sein.
Foto: documenta
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