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| Abstracts
Claudia Benthien (Hamburg) Anknüpfend an Thesen meiner Dissertation (zu Repräsentationen des Tastsinns) und meiner Habilitationsschrift (zu Repräsentationen des Schweigens) untersucht der Beitrag die medialen Funktionen der Hände in bildlichen Darstellungen der Frühen Neuzeit. Die Leitthese ist, dass die Dualität der zwei Hände oft eine entscheidende Rolle spielt. So vermitteln etwa Personifikationen des ‚Stillschweigens' zwischen dem Schweige-Gestus, dem Finger auf den Lippen, und einer zweiten Ebene, die damit in Beziehung gesetzt wird. Der Körper fungiert so als Medium, das einen komplexen Bedeutungszusammenhang in Szene setzt. An seiner Peripherie, den beiden Händen, wird Sinn konstellativ produziert. Die Geste der einen Hand wird erst durch die Geste der zweiten signifikant – oder aber durch ein Objekt in derselben. Die mediale Funktion der zwei Hände spiegelt auf einer anderen Ebene auch den Wunsch der Künstler, eine Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen Ebenen zu erfassen und abzubilden – dem stummen Bildmedium einerseits und der Stummheit einer Figur andererseits oder auch, grundlegender, zwischen den Ebenen von Bild und Text. Im Fall der Repräsentation des Tastsinns finden sich Darstellungen, in welchen eine Figur mit der einen Hand einen skulpturalen Gegenstand ertastet , während die zweite die plane Oberfläche eines Gemäldes berührt. Neben dem offensichtlichen Motiv des Wettstreits der Künste ist dies auch eine abstrakte Allegorie der Medialität, in welcher die Dreidimensionalität der Skulptur mit der Fläche der Leinwand verbunden wird . [«] [»Programm]
Stephan Kammer (Frankfurt am Main) Die Diskursivierung der ›Hand‹ in den Wissenschaften vom Menschen findet auf vielfältigen, teils obskuren, teils evidenten Szenen statt. Als deren Grenzlinien lassen sich, jeweils im weitesten Sinne, ein physiognomisches und ein identifizierendes Interesse bestimmen; dem einen gelten, mit dem Ziel hermeneutischer Auslegung, die (Manifestationen der) Hand als Spiegel des Subjekts, dem anderen, in Absicht ›polizeilicher‹ Feststellung, als Spur des Individuums. Seit der spezifisch modernen Konfiguration dieser Erkenntnisinteressen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nimmt die Handschrift einen privilegierten Platz auf der Bühne solcher Diskursivierung ein. An die Handschrift, das schriftlich fixierte Zeugnis eines identifizierbaren Urhebers, binden sich in den letzten 250 Jahren Konzepte, mit denen das komplexe, störungsanfällige Verhältnis von Körperlichkeit und zeichenhafter Repräsentation, von Individualität und Medialität entschärft und durch die diese Entschärfung trotz aller damit verbundenen Aporien auf Dauer gestellt werden sollen. Angesichts dieses scheinbar so unproblematischen Dispositivs des ›Autographen‹ werden aber auch die jeweiligen Übertragungsgewinne und/oder ‑verluste im Verhältnis von Körper und Schrift verrechnet; es bildet überdies die privilegierte Ausgangsbasis für die (poetologische) Reflexion jener Aspekte der ›Schreibszene‹ (Rüdiger Campe), an denen die Tätigkeit der schreibenden Hand und die wechselseitige (Re-)Präsentabilität von Individualität und Schrift thematisiert werden können. Dem Oszillieren des Blicks zwischen der ›Hand‹ und der ›Schrift‹ als Spur von deren Bewegungen entspringen dabei Möglichkeiten figuraler Besetzung, die ihrerseits von Anbeginn zwischen versöhnender Assoziation und verstörender Dissoziation schwanken. Diese Insistenz der Hand in den Prozeduren der (ästhetischen, literarischen) Poiesis bildet somit den Ausgangspunkt der Lektüren, die den aus der beschriebenen Konfiguration entspringenden Problemstellungen auf ihrer Gründungsszene – bei Lavater, Lichtenberg, und Goethe – nachspüren. [«] [»Programm]
Albert Kümmel (Konstanz) „Nachdem nun der Kompaß auf eine horizontale Unterlage gebracht und die Arretierung gelöst worden, die Magnetnadel somit ihre Nord-Süd-Ruhelage eingenommen hat, vermag ich durch leises Reiben der oberen Glasfläche mit meiner Fingerspitze an beliebiger Stelle eine sofortige Ablenkung der Nadel nach der geriebenen Stelle hin zu veranlassen .“ (Erich von Harnack) Zwischen 1904 und 1906 öffnet der Pharmakologe Erich von Harnack erneut die Akten eines Experiments, die bereits ein gutes halbes Jahrhundert zuvor durch den Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond in seinen Untersuchungen über thierische Elektricität (1848/49) geschlossen wurden. Es geht dabei um den okkulten Klassiker der Auslenkung einer Magnetnadel durch einen menschlichen Finger, der diese nicht berührt. Dieser von Wissenschaftlern wie ‚modernen Spiritisten' durchgeführte Versuch wurde immer wieder als Nachweis okkulter medialer Kräfte angeführt: enthusiastisch beim Astrophysiker Karl Friedrich Zöllner, skeptisch beim Begründer der Psychophysik Gustav Theodor Fechner. Emil Du Bois-Reymonds geschickter Experimentalaufbau nutzt die Möglichkeit eines Stromflusses zwischen angespannter und schlaffer Armmuskulatur und lenkt den so generierten Strom auf eine Magnetnadel um, die sich auf diese Weise ganz und gar nicht unheimlich bewegen lässt. Harnacks 1905 erschienener Bericht Studien über Hautelektrizität und Hautmagnetismus des Menschen deutet mit keiner Silbe auf die Kenntnis von Du Bois-Reymonds Versuch hin. Stattdessen bezieht er sich auf Baron von Reichenbach, Fechner und Zöllner und löst ein großes publizistisches Echo aus. Harnack ist nicht an einem Nachweis okkulter Kräfte gelegen, entgeht aber trotzdem der Aporie mediumistischer Versuche nicht: ein klar beobachtbares Phänomen, das sich jedoch nicht ausreichend stabilisieren lässt, um wissenschaftlich diskursfähig zu werden. Ausgehend von Harnacks Versuchen wird der Vortrag der Faszination kraftbeseelter, magischer Finger und Hände bis in die parapsychologischen Einheiten des kalten Krieges in der Einheit von Singularität und Störung nachgehen. [«] [»Programm]
Christina Lechtermann (Berlin) Der halb zeigenden, halb greifenden Geste des ungläubigen Thomas entsprechen in einem seit dem 9. Jahrhundert bekannten Typ der Thomasikonographie (schöne Elfenbeintafel im Berliner Museum) Gesten, die von helfenden Engeln oder von Christus selbst ausgeführt, die Wunde präsentieren, öffnen, zur Berührung und Betrachtung einladen. Mich interessiert daran v.a. das Zusammenspiel zwischen ‚deiktischem’ und ‚ostentativem’ Moment, das in den (mittelalterlichen) Bildern, die ich bisher dazu kenne, realisiert wird als Interaktion von zwei Händen – und eben nicht reduziert werden kann auf die berühmte Geste des Thomas. [«] [»Programm]
Petra Löffler (Regensburg) Der Vortrag wird sich mit der Konjunktur des Indexikalischen in der Medientheorie und dabei insbesondere in Theoriemodellen der Fotografie auseinandersetzen, denn vielfach wurde und wird die Fotografie als indexikalisches Medium par excellence angesehen. Zu denken ist hier nicht nur an Walter Benjamins viel zitierte "Kleine Geschichte der Photographie" oder Roland Barthes' prominente Schrift "Die helle Kammer", sondern vielmehr an Rosalind Krauss' Konzeption des "Photographischen" als einer "Theorie der Abstände" oder Philippe Dubois' als "Versuch über ein theoretisches Dispositiv" deklarierte Arbeit über den "fotografischen Akt". Diese Auszeichnung der Fotografie ist zugleich Ursache für die gegenwärtige Krise der Fotografietheorie, die seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie zu beobachten ist. Diese Beobachtung stellt den Ausgangspunkt für mediengeschichtliche bzw. -theoretische Überlegungen dar: Die fotografische Indexikalität stellt in dieser Perspektive eine Möglichkeit dar, das Fotografische als epistemisches Objekt zu denken. Dieses Denken wird durch die Aufhebung des ontologischen Status' der Fotografie als 'Spur des Realen' durch die digitale Bildgenerierung bedroht und provoziert vielfach die Rede vom Ende der Fotografie. In dieser Krise offenbart sich gleichzeitig die Paradoxalität des fotografischen Bildes zwischen seiner Verpflichtung auf Indexikalität und seinen verschiedenen kulturellen Gebrauchsweisen. Der Vortrag wird zunächst die Konjunktur dieses Denkens des Fotografischen als indexikalischen Zeichenprozess rekonstruieren und seine Verbindungen zu anderen, parallel sich etablierenden Diskursen und Medientechniken untersuchen. Im Vordergrund sollen Rosalind Krauss' 1975/76 verfasste "Notes on the Index" sowie die seit 1963 mehrfach publizierten "Fünf Anmerkungen zu einer Phänomenologie des fotografischen Bildes" von Hubert Damisch stehen. Besonders Interesse verdient dabei deren Verbindung zu Derridas Denken der Spur bzw. des Aufschubs. Indem die Geschichte dieser Theorieoption und ihrer (verschwiegenen) Implikationen beleuchtet wird, soll nach den (medientheoretischen) Konsequenzen der Privilegierung des Analogen gefragt werden. Der 'Abschied' von der analogen Fotografie bietet Gelegenheit, nicht nur das Fotografische (etwa im Sinne Dubois' als Hand-lung) neu zu denken, sondern auch den gegenwärtigen Status der Indexikalität in medientheoretischen Entwürfen kritisch zu prüfen. [«] [»Programm]
Jörn Münkner (Berlin) Die zeichenhafte Einbindung der menschlichen Hand in Repräsentations- und Kommunikationszusammenhänge (als Hand Gottes, als Andachtshand und Heilsspiegel, als Schau-, Zeichen- und Schreibfläche, als mnemotechnisches Werkzeug, u.a.m.) reicht weit in die frühe Buchdruckkultur hinein. Dabei ist die Verwendung der Hand auf und in den Operationsflächen von Drucken besonders dort interessant, wo sie - wie in illustrierten Flugblättern - als mit dem Auge kurzgeschlossener, haptischer Funktionsträger zum Einsatz gelangt, der die Kommunikationsleistung und ästhetische Wirkung der Blätter wesentlich mitkonstituiert. Bezugnehmend auf das Workshop-Exposé lässt sich Manipulation hier als das Spannungsverhältnis zwischen manuellem Zugriff und Handhabbarmachung einerseits, dem objektivierenden Arrangement, der deiktischen Steuerung und dem technisch zugerichteten Begreifen des Wahrnehmungsobjektes anderseits bestimmen, das als zentrales Wesensmerkmal dieser Drucke hervortritt. Flugblätter, die die Hand derart aktivisch in ihr layout einbinden, werden als (beinahe idealtypische) Kunst-Hand-Werke interpretierbar, in denen Ästhetik und Technik, Mechanik und Artistik sich überschneiden, und anhand derer das Ineinandergehen von poiésis und techné zu diskutieren ist. Es soll die innovative Funktionalisierung der Hand als medialer Operator in einem mehransichtigen, mit klappbaren Bildelementen ausgestatteten Flugblatt von 1629 in den Blick genommen werden. Dabei zeigt sich, wie die Hand in das Blatt ‚einwandert‘ und es zu einem Handlungsraum macht, genauso wie das Blatt von vornherein Handhabungen (Manipulationen) einfordert. Das Exemplar wird als kalkülisierter, dreidimensionaler Handlungs- und Schau-/Vorstellungsraum nutzbar, in dem das abgestimmte Ko-Agieren von Hand und Auge seine konkrete Umsetzung in der Bedienung der Klapptechnik findet. Um nicht weniger als die Notwendigkeit des Miteinanders von Hand und Auge bei der Verfügbarmachung grundsätzlich still gestellten Wissens geht es also. Schließlich werden in der Verschaltung von Hand, technischen Operationen und Auge Flugblätter als Vorläufer einer technologisch vermittelten Audiovisualität lesbar. Die mit dem Auge koordinierte Handhabbarmachung von auf/in Papier/Pergament gespeichertem Wissen beginnt keineswegs erst mit der Buchdruckzeit. Schon die Manuskriptkultur greift auf Darstellungsstrategien zurück, in denen diese Verschaltung ausgespielt wird: Raimundus Lullus (1232-1316) konstruiert als wesentlichen Bestandteil seiner mechanischen Begriffskombinatorik ( ars combinatoria ) eine „logische Papiermaschine“, die aus gegeneinander drehbaren Pappescheiben bestand (Ars Magna, nach 1273); Leon Battista Alberti entwirft einen Papierapparat mit drehbar gelagerten Scheiben zum Zwecke von Chiffrierung und Dechiffrierung, und schließlich verwenden sog. Losbücher handgemachte, pergamentene oder papierne Drehwählscheiben für aleatorische Zukunftsprognosen. [«] [»Programm]
Hedwig Pompe (Bonn) Das zweite Bändchen des "komischen Anhangs" zum "Titan"-Roman von Jean Paul enthält des "Luftschiffers Giannozzo Seebuch". Es gilt wie die vorausgehende "Abhandlung über das deutsche Rezensurwesen" der Aufgabe des Schreibens selbst wie diese um 1800 kritisch für und wider alles Literarische gewendet werden kann. Der satirische Ton ist mit "Giannozzo" einem von der Welt Angeekelten in den Mund gelegt, selbst nur "anbetend jede derbe Kraft und die Hände ausstreckend nach dem Äther der Freiheit". Giannozzos von satirischer Vernichtungslust beförderte und in die Selbstvernichtung mündende Luftschifferei verträgt sich allegorisch mit dem Handwerk des Poeten, sofern dieser die "Poesie" für die "höhere Geschichte" nutzt, die Erhebung des "Individuum zur Gattung der Menschheit". Im Hinblick auf dieses Projekt ist die Figur Giannozzos alter ego eines Autors "Jean Paul", der auch in diesem Text und dessen Peri- und Epitexten in typischer Weise das Vorreden-, Herausgeber- und Verfasserschaftsspiel spielt. Komplementär zur Nähe verhält sich die Distanznahme, denn es sei, so der Vorredner, Giannozzos "Arm" von dem seinigen "sehr zu trennen", muss dieser doch "unter die Menge so dreinschlagen, dass er oft ganz falsch trifft." Um die Poetisierung des Wirklichen mit der Wirkkraft des Poetischen vollständig durchzuführen, hat umgekehrt auch der Schreiber Giannozzo Teil an der Fiktion des Wirklichen: "Allein da vollends die Fahrt nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern wirklich in ihr geschehen, so bin ich [der Vorredner] ganz gedeckt." Also teilt wiederum der die Vorrede Unterzeichnende "Jean Paul Fr. Richter" in seiner vorausgehende "Abhandlung über das deutsche Rezensurwesen" die Geste der satirischen Realinvektive mit dem im Anschluss zu Wort kommenden Luftschiffer "Giannozzo". Dieser wird allerdings am Ende seiner Reise abstürzen, den rechten Arm, der ihm die Schreibhand bei seinem Luftschifferjournal geführt haben wird, und auch seinen "Mund", der die Journalschrift zum hornblasenden Sprachrohr seines Zorns gemacht hat, dabei verlierend: "Sein rechter Arm und sein Mund waren weggerissen, das Horn zum Teil geschmolzen, seine langhängenden Augenbraunen auf den hohen Augenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt." Dieser versehrt-unversehrte Körper ist die groteske Allegorie auf die Kraft der Rede und ihre rhetorische Abrechnung mit dem Gemeinen im Allgemeinen. Aber es geht mit diesem Körper auch um die Überheblichkeit des über die Welt Erhobenen, der zugleich nicht umhin kann, auf seiner Reise immer wieder zu landen, und schließlich auch 'menschlich' von allem Erhabenen und Idyllischen angerührt zu sein. Giannozzos grotesker Körper trägt so stellvertretend die Stigmata der zwischen Gewalt, Zerstörungslust und Liebe hin- und hergerissenen Menschen. Rhetorisch führen sein Körper, seine Rede und seine Schrift die Register mit sich, mittels welcher die Poesie ihre symbolische Beglaubigung um 1800 sucht: Der Kopf mit den scharf blickenden Augen, die Hände, die das idealische Luftschiff (der Schrift) nach oben und unten steuern, und das Herz, das immer in Gefahr ist, zusammen mit dem Hals gebrochen zu werden. [«] [»Programm]
Susanne Strätling (Berlin) 1895 publiziert Graf Aleksandr Aksakov seine Sammlung „herausragender Fälle selbsterzeugter mediumistischer Erscheinungen“ („Vydajuščiesja slučai samoproizvol'nych mediumičeskich javlenij“). Zentrales Systematisierungskriterium der Fälle ist die Hand bzw. die Frage, welche Funktion der Hand in der Erscheinung zukommt. Ist sie sichtbar oder unsichtbar? Was bewegt sie? Welche Spur hinterlässt sie? Eine prominente Stellung unter diesen Spuren kommt auch der Schrift zu, deren Status als mediumistischer Hinterlassenschaft zwischen Selbstschrift, medialer Manipulation und transzendetaler Beglaubigung oszilliert. Vier Jahre später folgt vom gleichen Autor ein Band „Materialien zur Beurteilung des automatischen Schreibens“ („Materialy dlja suždenija ob avtomatičeskom pis'me“), der sich eben jenen Aspekten der ‚Selbstschreibe' widmet, die das dann in der Ästhetik der Moderne zum Konzept eines vorbewussten, unzensierten Schreibaktes nobilitiert werden. Der Beitrag wird sich diesen Vorläufern eines Schreibens ohne Kopf als eines Schreibens nur mit der Hand oder ohne Hand widmen und sich vor allem den Phänomenen selbstevidenter Schriften literarischer acheiropoiesis widmen. [«] [»Programm]
Moritz Wedell (Berlin) Die numerische Kompetenz des Menschen ist eng mit der motorischen Aktivität der Hand verbunden: Man lernt das Zählen an seinen Fingern. Noch im Mittelalter, bevor ein operativer Schriftgebrauch oder elektronische Hilfen den Zahlgebrauch unterstützen, dominiert dieser Zusammenhang den alltäglichen Zahlgebrauch; und dies weit über die Erst-Aneignung von Zahlen hinaus. Das zeigt nicht nur ein Blick auf die Techniken des Rechnens, in denen Hand und Zahl in der Rechenoperation eng aneinander gebunden sind. Den Befund stützt auch die historische Semantik der Wörter zal und zeln . Erst mit der Einführung der Schrift in der Mathematik setzt eine Trennung von der Hand als Operator und der Zahl als Operandum ein, indem die Prozessierung der Zahlen auf die Schrift übertragen wird. Trotzdem beruht noch in den Rechenbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts die Bildsprache auf der Benennung motorischer Akte, und in diversen Drucken wird das einst von Beda entworfene System des computus digitalis wieder aufgelegt. Als sich dann die Vorstellung durchsetzt, dass die Einübung in den Gebrauch der arabischen Ziffern mit der Ausbildung von mathematischer Kompetenz gleichzusetzen sei und dass es sich bei dieser um die geeignete Materie handele, Menschen im abstrakten Denken zu schulen, vollzieht sich schließlich die Auswanderung der Hand aus dem Assoziationsbereich von Zahl und Rechnung. Diese Vorstellung ignoriert jedoch die Komplexität der kognitiven Verarbeitung von Zahlen und ihrer sensorischen Rückkopplungen. Sie ist nicht haltbar geblieben. Nachdem sie zu gravierenden Leistungsgefällen im mathematischen Wissenserwerb geführt hat (PISA 2000), bemühen sich neuere mathematikdidaktische Konzepte darum, die manuelle Aneignung der Prozessierung von Zahlen wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Diese Bewegung didaktischer Innovation – bzw. konzeptueller Rehabilitierung – trifft auf ein beharrliches Allgemeinverständnis von der Abstraktheit der Zahl. In diesem Konflikt spitzt sich die Rivalität zwischen einer Vision der „A-Manufakturalität“ des Wissens und der Praxis „be-greifenden“ Lernens zu. [«] [»Programm]
Friedrich Weltzien (Berlin) Der 1790 gestorbene Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith entwickelte in seinem Hauptwerk „ An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations “ (1776) eine Idee der selbstorganisatorischen Funktionsweise von Handelsmärkten. Er spricht dabei von einer Führung durch eine unsichtbare Hand, die den industriellen Produzenten zu sinnvollen aber ungeplanten Resultaten führe: „led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention” (WN, IV.ii.9). Zwei Generationen später, 1839, greift W. H. F. Talbot bei der Erklärung seines neu entwickelten fotografischen Verfahrens auf diesen Topos zurück. Von seinen angeblich ausschließlich auf optische und chemische Vorgänge zurückführbaren Bilder behauptet er: „They are impressed by Nature's hand“ (Pencil of Nature, London 1844, o.P., Introductory Remarks). Beiden Handmetaphern ist gemeinsam, dass sie, je strenger sie die Beteiligung einer tatsächlichen Hand am produktiven respektive kreativen Akt verleugnen, umso nachdrücklicher auf eine unsichtbare Hand verweisen müssen: sei sie die der Marktgesetzte oder der Naturgesetze. Acheiropoieta bezeichnen Artefakte, die – wie der Name sagt – nicht von Menschenhand gemacht sind. Intentionslos und spontan entstanden, zeigen sie gleichwohl sinnvolle Strukturen, die eine Gemachtheit nahe legen. Nur: war es nicht eines Menschen Hand, wem gehörte diese Hand dann? Ich möchte in meinem Beitrag untersuchen, wie insbesondere in Produktionsästhetiken des 19. und frühen 20. Jhs. jene unsichtbare Hand bemüht wird, um den Mehrwert künstlerischer Produktion etwa gegenüber handwerklicher Tätigkeit zu belegen. Wie wird die unsichtbare Hand visualisiert? Wie fügen sich Metaphorik und tatsächliche Handlung zusammen, wo begegnen sich ökonomische und ästhetische Bezüge? Welche Zeichen der Hand müssen prononciert, welche vertuscht werden? Wie kommt es, dass sich gleichwohl „Hände scheiden“ lassen, also auch bei acheiropoietischen Verfahren Stile differenzierbar sind? Diese Fragen sollen verfolgt werden. [«] [»Programm]
Horst Wenzel (Berlin) Der Zeigefinger und die Zeighand werden beim Wechsel von der körpergebundenen zur schriftgebundenen Kommunikation keineswegs außer Funktion gesetzt. In Miniaturen und Initialen fungieren sie als metonymische Repräsentanten von Sprecherfiguren, um Texte zu eröffnen, Blicke und Wahrnehmungen zu lenken, Sachverhalte hervorzuheben oder abzuschatten. Zeig- und Memorialhände werden noch in der Druck-Kultur und schließlich auch auf digitalen Oberflächen eingesetzt, um Kommunikationsvorgänge zu initialisieren, und sie zeigen dabei trotz aller medialen Distanz den Rückbezug auf die Sensorik körpergebundener Kommunikation. [«] [»Programm]
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