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Hanns Eisler Gesamtausgabe (HEGA)

DFG-Projekt


Vorwort zu den Bänden der Hanns Eisler Gesamtausgabe

Die großen gesellschaftlichen und musikalisch-ästhetischen Umwälzungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Biografie von Hanns Eisler ebenso wie seine Kompositionen und Schriften entscheidend geprägt. Die Bedeutung und das weite Spektrum seines Schaffens sind Grund genug, das Werk in voller Breite der Wissenschaft und der musikalischen Praxis zugänglich zu machen.

Die Hanns Eisler Gesamtausgabe (HEGA) verfolgt die Absicht, sämtliche erreichbaren Kompositionen, Briefe und Schriften der Öffentlichkeit in wissenschaftlich angemessener Form vorzulegen. Sie versteht sich als historisch-kritisch und zielt darauf ab, die Wandlungen der Kompositionen und Schriften als deren Geschichte darzustellen und auf diese Weise die verschiedenen Fassungen als Zeugnisse unterschiedlicher ästhetischer und zeitgeschichtlicher Positionen kenntlich zu machen.

Eislers Gesamtwerk, das bis in die neunziger Jahre hinein zumeist nur selektiv wahrgenommen wurde, fand zwar in der von Nathan Notowicz begründeten und später von Manfred Grabs und Eberhardt Klemm betreuten, von 1968 an erschienenen Ausgabe Eisler – Gesammelte Werke (EGW) im Deutschen Verlag für Musik in Leipzig einen ersten verlegerischen Ansatz; es erschienen aber nur vier Noten- und fünf Schriftenbände. An sie knüpft die Hanns Eisler Gesamtausgabe an. Allerdings mussten die Editionsprinzipien grundsätzlich revidiert werden, so dass von einem vollständigen Neubeginn der editorischen Arbeit gesprochen werden kann.

So erwies es sich als notwendig, die Band- und Seriengliederung ebenso wie die Editionsrichtlinien neu zu fassen und dies namentlich mit dem Ziel, die heute allgemein gültigen Standards historisch-kritischer Ausgaben den spezifischen und mitunter singulären Gegebenheiten im Schaffen Eislers anzupassen. Außerdem war dem Grundsatz Rechnung zu tragen, dass alle Herausgeberentscheidungen transparent und dem kritischen Nachvollzug des Benutzers zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus wird die Ausgabe der Überzeugung gerecht, dass alle Stufen des Entstehungsprozesses bzw. alle Formen der vom Komponisten verantworteten Verbreitung (z. B. Skizzen, Fassungen, autorisierte Klavierauszüge, aber auch Interviews) zum Werk bzw. Text selbst gehören.

Diese Auffassung trifft besonders für die spezifische musikhistorische Situation zu, in der Eisler sich befand und zu der er im Bewusstsein, dass Musik immer auch eine gesellschaftliche Funktion hat, nicht allein als Komponist, sondern auch als Verfasser zahlreicher Aufsätze, Reden und Artikel kritisch Stellung bezog. Dies stellt die differenzierende Quellenhermeneutik, die den editorischen Entscheidungen vorangehen muss, ebenso wie die editorische Praxis vor besonders schwierige Aufgaben, eröffnet aber auch die Chance, hinsichtlich von musikalischen und literarischen Texten unterschiedlicher Funktionen – etwa der Kompositionen für den Film, die danach zu autonomer Kammermusik umgeformt wurden, oder die Verwendung von Textpassagen in verschiedenen Zusammenhängen – beispielgebende Verfahrensweisen der Edition zu entwickeln.

Die Hanns Eisler Gesamtausgabe wird von einem institutionell und personell koordinierten Editorenteam verantwortet. Damit ist sichergestellt, dass die Editionsprinzipien der Bereiche Noten und Schriften soweit wie möglich aufeinander abgestimmt und sachliche Probleme auf analoge Weise dargestellt und gelöst werden. Diese Kooperation ist notwendig, weil das musikalische Schaffen Eislers in großen Teilen literarisch geprägt ist und seine Schriften – vice versa – in überwiegendem Maße von Musik und ihren gesellschaftlich-politischen Problemen handeln.

Die Ausgabe erscheint in neun Serien:

Serie I   Chormusik
Serie II Musik für Singstimme und Instrumentalensemble oder Orchester
Serie III Musik für Singstimme und Klavier
Serie IV Instrumentalmusik
Serie V Bühnenmusik
Serie VI Filmmusik
Serie VII Skizzen und Fragmente
Serie VIII Bearbeitungen fremder Werke
Serie IX Schriften
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Zur Edition der Noten

In den Hauptbänden erscheinen diejenigen Fassungen der Kompositionen, die sich durch Umfang oder Überlieferung gegenüber anderen Fassungen auszeichnen; der zugehörige Kritischen Bericht erscheint im Anschluss an den Notenteil, bei großen Umfängen in einem eigenen Band. Weitere Fassungen und Klavierauszüge werden in Supplementbänden vorgelegt. Skizzen erscheinen innerhalb der Serie VII in eigenen Bänden. Eine Ausnahme bilden die Skizzen zu Kompositionen, bei denen ein Supplementband auch für die Skizzen Platz bietet. Bei geringem Skizzenbestand oder bei Skizzen, die für die Edition selbst relevant sind, können diese im Band des Kritischen Berichts angefügt erscheinen. Innerhalb der Einzelbände sind die Kompositionen chronologisch angeordnet.

Dem jeweiligen Status der Werkgenese entsprechend wird zwischen drei Typen der editorischen Präsentation unterschieden: der Werkedition, der Inhaltsedition und der Quellenedition.

Die Werkedition gilt für die Hauptbände der Serien I bis VI und VIII, gegebenenfalls auch für die Supplementbände. Die Edition der Kompositionen in den Hauptbänden stellt das Ergebnis der umfassenden philologischen Sichtung und Interpretation durch den Herausgeber dar. Abweichungen von der oder den Hauptquellen werden entweder durch Kennzeichnung im Notentext (eckige Klammern oder Strichelung, Fußnoten), durch die Erläuterung im Kritischen Bericht oder – bei besonders gravierenden Eingriffen – durch beides angezeigt.

Darüber hinaus gelten für die Werkedition folgende Prinzipien:

  • Die Partituranordnung und die Notation entsprechen den heute gültigen Regeln;
  • Orthographie und Silbentrennung verbaler Texte werden den heutigen Regeln angeglichen, doch bleiben originale Lautfolge und charakteristische Wortformen gewahrt;
  • Abbreviaturen werden im Allgemeinen stillschweigend aufgelöst.

Abweichungen oder Besonderheiten hinsichtlich dieser Prinzipien werden im Kritischen Bericht mitgeteilt.

Der Kritische Bericht bietet die philologische Argumentation für den vorgelegten Text und weist die Quellen aus, aufgrund derer die editorischen Entscheidungen getroffen wurden. Er umfasst die folgenden Teile:

  • Verzeichnis der im Kritischen Bericht verwendeten Abkürzungen
  • Quellenbeschreibung
  • Auflistung der textkritisch nicht relevanten Lesarten einzelner Quellen, insbesondere Korrekturverzeichnisse bei autographen Quellen
  • Quellenbewertung
  • Erläuterung der speziellen Verfahren des jeweiligen Bandes
  • Textkritische Anmerkungen, die über Einzelentscheidungen des Herausgebers Rechenschaft ablegen

Die Inhaltsedition kommt in der Regel in den Supplementbänden der Serien I bis VI (z. B. abgeschlossene, aber nicht zur Veröffentlichung bestimmte Fassungen) und in den Bänden der Serie VII (z. B. Fragmente in Reinschrift) zur Anwendung. Die Inhaltsedition hält sich streng an den Text der Quelle. Korrigiert werden lediglich offenkundige Fehler, über die im Kritischen Bericht referiert wird.

Die Quellenedition gilt in erster Linie für Skizzen und Entwürfe. Der Abdruck ist diplomatisch, nicht jedoch stets zeilengetreu; Zeilenwechsel im Original werden durch geeignete Zusatzzeichen angezeigt.

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Zur Edition der Schriften

In der Serie IX der Gesamtausgabe erscheinen die Bände:

1.1   Gesammelte Schriften 1921-1938
1.2 Gesammelte Schriften 1938-1953
1.3 Gesammelte Schriften 1953-1962
2 Komposition für den Film
3.1 Johann Faustus 1
3.2 Johann Faustus 2
4.1 Briefe von Hanns Eisler 1
4.2 Briefe von Hanns Eisler 2
4.3 Briefe von Hanns Eisler 3
5.1 Gespräche und Interviews 1
5.2 Gespräche und Interviews 2

Das Quellenmaterial der Schriften umfasst Autographe, Diktate, in Eislers Umkreis hergestellte Abschriften, zu seinen Lebzeiten erschienene Drucke sowie Tonbandaufzeichnungen von Interviews, Gesprächen und Vorträgen. Die Anordnung der Texte innerhalb eines Bandes folgt in der Regel dem chronologischen Prinzip. In Fällen, in denen die Quellen keinen Datierungshinweis geben, erfolgt die Einordnung auf der Grundlage der Quellenbeschreibung nach dem Sinn- und Entwicklungszusammenhang und der Argumentation im Vergleich mit anderen, zeitlich genau bestimmbaren Texten. Es werden, sofern die Fassungen eines Textes stark voneinander abweichen, mehrere Fassungen vollständig wiedergegeben.

Die Schriftenedition unterscheidet ebenfalls drei Editionstypen: die Textedition, die Inhaltsedition und die Quellenedition.

Die Textedition kommt für die Edition von Typoskripten und Drucken zur Anwendung. Der edierte Text gibt eine Fassung wieder, die sich durch Umfang oder Überlieferung gegenüber anderen auszeichnet. Er enthält keine diakritischen Zeichen. Orthographie und Interpunktion werden übernommen. Hiervon ausgenommen sind Druckfehler und Verschreibungen (singuläre Abweichungen von den Schreibgewohnheiten des Verfassers bzw. der allgemeinen Schreibkonvention) sowie Schreibfehler, die auf technische Bedingtheiten zurückgehen. Hervorhebungen wie Unterstreichungen, Sperrung, Fettdruck, Kursivierung oder Versalien werden übernommen.

Die Inhaltsedition kommt bei den Briefen von Hanns Eisler zur Anwendung. Sie macht die unterschiedlichen Textschichten kenntlich, ohne dabei die Detailgenauigkeit einer diplomatischen Wiedergabe zu beanspruchen. Auf die Markierung von Zeilenfall oder Seitenwechsel wird verzichtet. Bei offensichtlichen Verschreibungen gelten die Angleichungsrichtlinien der Textedition. Textgenetische Besonderheiten sollen im edierten Text ersichtlich werden, ohne dass Prinzipien der diplomatischen Edition für das gesamte Textkorpus gelten.

Die Quellenedition gilt für Skizzen, Notizen, Tagebücher wie auch für poetische Schriften, darunter die Bände zum Johann Faustus. Der Quellentext wird mit diakritischen Zeichen und Auszeichnungsarten diplomatisch im edierten Text wiedergegeben. Auch Zeilenfall und Seitenumbruch werden – etwa bei versartiger Textanordnung – beibehalten.

Ein sich an das Textkorpus anschließender gesonderter Apparat beinhaltet die wichtigsten Informationen über den Entstehungshintergrund jedes Textes, die Art der Hauptquelle (Manuskript, Typoskript, Druck mit Ortsangabe sowie Datierung) und außerdem Erläuterungen zu Namen, Werken, Begriffen und Zusammenhängen, die im Text genannt werden. Der Kritische Bericht umfasst die Teile:

  • Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen;
  • Quellenbeschreibung;
  • Quellenbewertung;
  • Eintragungen (in der Hauptquelle);
  • Lesarten der Fassungen;
  • Erläuterung der speziellen Verfahren des jeweiligen Bandes;
  • Textkritische Anmerkungen, welche die Herausgeberentscheidungen transparent machen.

Im Kritischen Bericht zitierte Originaltexte unterliegen den Prinzipien der Quellenedition. Der Text erscheint dort in Kursivdruck; die diakritischen Zeichen sind davon ausgenommen. In einem gesonderten Anhang können Übersetzungen und Exzerpte publiziert werden, die im Haupttext des Bandes nicht ediert wurden. Am Ende eines Bandes bzw. einer Bandgruppe steht ein Personen- und Werkregister.

Prof. Dr. Gert Mattenklott und Prof. Dr. Christian Martin Schmidt


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