Text der Sprachklausur: Raymond Queneau: Notations, Prière d'insérer, Parties du discours.
Übersetzt von Bernhard Metz.
NOTATIONEN In der S., zur Stoßzeit. Ein Typ um die sechsundzwanzig Jahre, weicher Hut mit Kordel statt des Bandes, Hals zu lang, als wenn man ihm den hochgezogen hätte. Die Leute steigen aus. Der in Frage stehende Typ ärgert ich über seinen Nachbarn. Er wirft ihm vor ihn anzurempeln, jedesmal, wenn jemand an ihm vorbeikommt. Ton jämmerlich, will aber boshaft sein. Als er einen freien Platz sieht, stürzt er sich drauf. Zwei Stunden später, da begegne ich ihm wieder an der Cour de Rome, vor der Gare Saint- Lazare. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der ihm sagt: »Du müßtest einen zusätzlichen Knopf an deinen Überzieher anbringen lassen.« Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.
WASCHZETTEL In seinem neuen Roman, ausgeführt mit dem Brio, das ihm zu eigen ist, hat der berühmte Romancier X, dem wir schon so viele Meisterwerke schulden, es sich angelegen sein lassen, nur gut gezeichnete und in einer für alle, Große und Kleine, verständlichen Atmosphäre handelnde Personen, in Szene zu setzen. Die Handlung dreht sich folglich um die Begegnung des Helden dieser Geschichte und einer ziemlich enigmatischen Person, die sich mit dem Erstbesten streitet, in einem Bus. In der Schlußepisode sieht man dieses mysteriöse Individuum mit der größten Aufmerksamkeit den Ratschlägen eines Freundes, Magister Artium im Dandytum, zuhören. Das Ganze gibt einen charmanten Eindruck, den der Romancier X mit seltenem Glück herausziselliert hat.
TEILE DER REDE [in der wörtlichen Übersetzung nur die Teile, die im französischen Text vorgegeben sind, ohne Rücksicht auf den Kontext der anderen Partien der Exercices de style, also reine Wortübersetzungen] ARTIKEL: der, die, die, ein, eine, der, des, dem. SUBSTANTIVE: Tag, Mittag, Plattform, Bus, Linie S, Seite, Park, Monceau, Mann, Hals, Hut, Borte, Ort, Stoß, Band, Nachbar, Füße, Mal, Reisender, Diskussion, Platz, Stunden, Bahnhof, Heiliger, Lazarus, Konversation, Kamerad, Ausschnitt, Überzieher, Schneider, Knopf. ADJEKTIVE: hinterer, kompetent, komplett, umzingelt, groß, frei, lang, geflochten. VERBEN: erblicken, tragen, interpellieren, vortäuschen, machen, marschieren, aufsteigen, absteigen, verlassen, werfen, wiedersehen, sagen, verkleinern, machen, wieder aufsteigen. PRONOMEN: ich, er, sich, ihn, ihm, sein, wer, dieser da, was, jeder, alle, einige. ADVERBIEN: wenig, bei, sehr, eigens, anderswo, schnell, mehr, spät. PRÄPOSITIONEN: gegen, auf, von, in, auf, vor, in, mit, durch, an. KONJUNKTIONEN: daß, oder.
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Text der Sprachklausur: Voltaire: DIX-HUITIÈME LETTRE: SUR LA TRAGÉDIE.
Übersetzt von Oliver Lubrich.
Die Engländer besaßen bereits ein Theater, ebenso wie die Spanier, als die Franzosen nur Bretterbuden hatten. Shakespeare, der in den Ruf eines englischen Corneille gelangte, blühte ungefähr zur Zeit Lope des Vegas; er schuf das Theater. Er besaß ein Genie voll von Kraft und Fruchtbarkeit, von Natürlichem und Erhabenem, ohne den kleinsten Funken guten Geschmacks und ohne die mindeste Kenntnis der Regeln. Ich will Ihnen etwas Kühnes, aber Wahres sagen: nämlich daß das Verdienst diese Autors das englische Theater verdorben hat; in seinen monströsen Farcen, die man Tragödien nennt, sind so schöne Auftritte, so großartige und so schreckliche Passagen verstreut, daß diese Stücke beständig mit großem Erfolg gespielt wurden. Die Zeit, die allein den Ruf der Menschen schafft, macht schließlich auch deren Fehler ehrwürdig. Die meisten der bizarren und riesenhaften Einfälle dieses Autors haben am Ende von zweihundert Jahren das Recht erworben, für erhaben zu gelten; die modernen Schriftsteller haben ihn fast alle nachgeahmt; allerdings wurde das, was bei Shakespeare gelang, bei ihnen ausgepfiffen, und Sie werden wohl glauben, daß die Verehrung, die man diesem Alten entgegenbringt, in dem Maße sich steigert, wie man die Modernen geringschätzt. Man bedenkt nicht, daß man ihn gar nicht nachahmen sollte, und der Mißerfolg jener Nachahmer führt bloß dazu, daß man ihn für unnachahmlich hält. Sie wissen, daß in der Tragödie des Mohren von Venedig, einem sehr anrührenden Stück, ein Mann seine Frau auf dem Theater erwürgt, und als die arme Frau erwürgt wird, ruft sie auf, sie sterbe höchst unschuldig. Es wird Ihnen auch nicht unbekannt sein, daß im Hamlet Totengräber eine Grube ausheben, während sie sich betrinken, Gassenhauer singen und mit den Totenköpfen, auf die sie stoßen, Scherze treiben, wie sie zu Leuten ihres Berufs passen. Aber es wird Sie überraschen, daß man diese Possen unter der Herrschaft Karls des Zweiten nachgeahmt hat, die jene der höfischen Feinheit und das Goldene Zeitalter der Schönen Künste war.
Bearbeitung nach: Briefe des Herrn de Voltaire, die Engländer und anderes betreffend, herausgegeben und übersetzt von Horst Lothar Teweleit, Berlin [DDR]: Eulenspiegel Verlag 1987, S. 85-92, hier: S. 85-86.
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Text der Sprachklausur: Pierre Bourdieu: Avant-propos.
Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer, in: Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1999, S. 10-11.
Beinhaltet die Forderung nach Autonomie der Literatur, die im Gegen Sainte-Beuve von Proust ihren exemplarischen Ausdruck gefunden hat, daß die Lektüre der literarischen Texte ausschließlich literarisch sein muß? Stimmt es, daß die wissenschaftliche Analyse zwangsläufig die Besonderheit des literarischen Werks und der Lektüre, angefangen mit dem ästhetischen Vergnügen, zerstören muß? Und daß der Soziologe zum Relativismus verdammt ist, zur Nivellierung der Werte, zum Niedermachen des Großen, zur Abschaffung der Unterschiede, die doch die Singularität des schöpferisch Wirkenden ausmachen, der immer auf seiten des Einzigartigen steht? Und zwar aus dem Grund, weil der Soziologe mit der großen Zahl im Bunde steht, mit dem Durchschnitt, dem Mittel und folglich mit dem Mittelmäßigen, dem Minderen, den minores, der Masse der kleinen unbedeutenden und zu Recht unbekannten Autoren, im Bunde mit dem, was die schöpferischen Menschen dieser Zeit mehr als alles andere abstößt: Inhalt, Kontext, der Referent und das Außerhalb des Textes, des Draußen der Literatur?
Für nicht wenige Schriftsteller und bestallte Leser der Literatur, ganz zu schweigen von den mehr oder minder hochrangigen Philosophen, die, von Bergson bis Heidegger und darüber hinaus, der Wissenschaft apriorische Grenzen setzen wollen, ist die Sache ausgemacht. Die Zahl derer, die der Soziologie jeden entweihenden Kontakt zum Kunstwerk verbieten, ist nicht mehr zu zählen.
[...]
Ich werde dieses Postulat nicht diskutieren (aber erträgt es überhaupt die Diskussion?). Ich frage lediglich, warum so unzählige Kritiker, Schriftsteller, Philosophen derart bereitwillig verkünden, die Erfahrung des Kunstwerks sei unsagbar, sie entziehe sich der Definition nach rationaler Erkenntnis; warum sie widerstandslos die Niederlage des Wissens anerkennen; woher bei ihnen dieses so mächtige Bedürfnis kommt, die rationale Erkenntnis niederzumachen, dieser Furor, die Unreduzierbarkeit des Kunstwerks oder, mit einem passenderen Wort, seine Transzendenz geltend zu machen.
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Text der Sprachklausur: Roland Barthes: Der neue Citroën.
Übersetzt von Helmut Scheffel (überarbeitet), in: Roland Barthes: Mythen des Alltags. [Mythologies, Auswahl]. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1964, S. 76-78.
Ich glaube, daß das Auto heute das ziemlich genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist: ich meine damit, eine große Schöpfung der Epoche, die von unbekannten Künstlern mit Leidenschaft erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt in ihrem Gebrauch von einem ganzen Volk konsumiert wird, das sich in ihr ein vollkommen magisches Objekt aneignet.
Der neue Citroën fällt offenkundig vom Himmel, insofern als er sich zunächst als superlativisches Objekt darbietet. [...] Die » Déesse « [D.S.] hat alle Eigenschaften (wenigstens beginnt das Publikum, sie ihr einmütig zuzuschreiben) eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind und die die Neuerungswut des 18. Jahrhunderts sowie die unserer Science Fiction genährt haben: die » Déesse « ist zunächst ein neuer Nautilus.
Deshalb interessiert man sich bei ihr weniger für die Substanz als für ihre Verbindungsstellen. Bekanntlich ist das Glatte immer ein Attribut der Perfektion, weil sein Gegenteil einen technischen und ganz und gar menschlichen Vorgang der Bearbeitung verrät: Christus war ohne Narbe [zweite Möglichkeit: Christi Gewand war ohne Naht], so wie die Raumschiffe der Science Fiction aus fugenlosem Metall sind. [...]
Die Geschwindigkeit kommt hier in weniger aggressiven, weniger sportiven Zeichen zum Ausdruck, als ob sie von einer heroischen Form zu einer klassischen Form überginge. [...]
Es handelt sich also um eine humanisierte Kunst, und es ist möglich, daß die » Déesse « einen Wendepunkt in der Mythologie des Automobils markiert. Bisher hatte das superlativische Auto eher etwas von einem Bestiarium der Macht; hier nun wird es zugleich geistiger und sachlicher, und trotz manchen neuerungssüchtigen Selbstgefälligkeiten (wie das leere Lenkrad) ist es haushaltsmäßiger, stärker im Einklang mit jener Überhöhung der Gerätschaft, die man in unseren zeitgenössischen Haushaltsgegenständen findet: das Armaturenbrett ähnelt eher dem Arbeitstisch einer modernen Küche als der Zentrale [Schaltstelle] einer Fabrik [...].
Fakultativ: [...] In den Schauräumen wird der Vorführwagen mit intensivem, liebevollem Eifer besichtigt: dies ist die große taktile Phase der Entdeckung, der Augenblick, da das wunderbare Visuelle den prüfenden Ansturm des Tastsinns erleidet (denn der Tastsinn ist der am stärksten entmystifizierende von allen Sinnen, im Gegensatz zum Gesichtssinn, der der magischste ist) [...]. Das Objekt wird vollständig prostituiert, in Besitz genommen; hervorgegangen aus dem Himmel von Metropolis, wird die » Déesse « binnen einer Viertelstunde mediatisiert, und in diesem Exorzismus vollzieht sie die Bewegung der kleinbürgerlichen Beförderung [mehrfacher Sinn: Transport; sozialer Aufstieg; Verkaufsförderung, Werbung].
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Text der Sprachklausur: Gustave Flaubert: Un cur simple.
Übersetzt von Heidi Kirmße und Adelheid Witt, in: Gustave Flaubert: Drei Erzählungen. Berlin (R & L) 1991.
Ein halbes Jahrhundert lang beneideten die Bürgersfrauen von Pont-lEvêque Madame Aubain um ihr Dienstmädchen Félicité.
Für hundert Francs im Jahr besorgte sie die Küche und den Haushalt, nähte, wusch, bügelte, konnte ein Pferd anspannen, Geflügel mästen, buttern und blieb ihrer Herrin treu, die indes keine angenehme Person war.
Sie hatte einen hübschen Burschen ohne Vermögen geheiratet, der zu Beginn des Jahres 1809 gestorben war und ihr zwei kleine Kinder sowie eine Menge Schulden hinterlassen hatte. Daraufhin verkaufte sie ihren Grundbesitz bis auf die Pachtgüter Toucques und Geffosses, deren Einkünfte höchstens 5000 Francs betrugen, und verließ ihr Haus in Saint-Melaine, um in ein anderes, weniger aufwendiges zu ziehen, das ihren Vorfahren gehört hatte und hinter den Markthallen gelegen war.
Dieses Haus war mit Schiefer verkleidet und stand zwischen einem Durchgang und einer Gasse, die zum Fluß hinunterführte. Im Innern war der Fußboden so uneben, daß man stolperte. Ein enger Flur trennte die Küche von der großen Stube, in der Madame Aubain den ganzen Tag in einem Korbsessel am Fenster saß. Vor der weißgestrichenen Täfelung standen in einer Reihe acht Mahagonistühle. Auf einem alten Klavier stapelten sich Dosen und Pappschachteln zu einer Pyramide; darüber hing ein Barometer. Zwei Polstersessel flankierten den Kamin aus gelbem Marmor im Louis-quinze-Stil. Die Stutzuhr in der Mitte stellte einen Vesta-Tempel dar, und der ganze Raum roch ein wenig nach Moder, denn der Fußboden lag niedriger als der Garten.
Im ersten Stock befand sich zunächst das Zimmer von Madame, es war sehr groß und mit einer verblichenen Blumentapete bespannt; dort hing das Bild von Monsieur in stutzerhafter Kleidung. Ein kleineres Zimmer ging davon ab, in dem man zwei Kinderbettchen ohne Matratzen sah. Dann kam der Salon, der immer verschlossen blieb, vollgestellt mit Möbeln, über die ein Tuch gebreitet war.
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